Aktuell

ORF-Thema vom 20. April 2015:

Im August 2014 starb Ilkay Cafer auf einer Baustelle. Erdrückt von der 120 Kilogramm schweren Last zweier Baustellengitter. 43 Jahre hat der 66-jährige Österreicher und gebürtige Kurde auf Baustellen gearbeitet, doch passiert ist es in seiner Pension.

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Redebeitrag der Stadtteilinitiavie Mariahilf bei der Gedenkkundgebung am 17. April 2015

Acht Monate ist es nun her, seitdem Cafer Ilkay im Mietshaus Esterhazygasse 6 tot aufgefunden wurde. Die genauen Todesumstände sind immer noch unklar. Klar ist zwischenzeitlich jedoch, dass die polizeilichen Ermittlungen letzten Sommer äußerst schlampig geführt wurden. Wichtige Spuren, Indizien und Beweise kamen überhaupt nur auf Initiative und Druck der Angehörigen ans Licht. Wiewohl offiziell in alle Richtungen – also auch Mord, Totschlag und unterlassene Hilfeleistung – ermittelt wird, scheint der Todesfall Cafer Ilkay bei der Staatsanwaltschaft Wien keine besondere Priorität zu haben. So wurden bis heute noch nicht einmal die Aussagen aller relevanter ZeugInnen aufgenommen. Mit der Gedenkveranstaltung heute wollen wir dazu beitragen, dass die Todesumstände endlich rasch und transparent aufgeklärt werden! Die Ermittlungen dürfen nicht weiter verschleppt werden!

Doch auch ein zweites Anliegen ist uns als Stadtteilinitiative sehr wichtig: So etwas darf in Zukunft nie wieder passieren! Dazu wollen wir noch einmal die Vorgeschichte in Erinnerung rufen. Auf die MieterInnen des Hauses war in den Monaten zuvor vom Hauseigentümer immer größerer Druck ausgeübt worden: Sie sollten ausziehen, das Haus luxussaniert und teurer vermietet werden. Cafer weigerte sich auszuziehen und blieb trotz aller Schikanen. Nicht nur, weil er in dem Haus seit knapp 40 Jahren wohnte, sondern auch weil er sich eine Mieterhöhung von seiner bescheidenen Pension einfach nicht leisten konnte und nicht von Beihilfen abhängig sein wollte.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Durch die sogenannte sanfte Stadterneuerung wurde es für private Investoren seit den 1980er Jahren immer attraktiver in Immobilien wie diese hier in der Esterhazygasse 6 zu investieren. Die schrittweise Liberalisierung des Mietrechts im selben Zeitraum machte es leichter Mieterhöhungen durchzusetzen: es gibt einen rapiden Anstieg an Befristungen; der Richtwertzins ist de facto zahnlos, da er vom Lagezuschlag ausgehebelt wird. Um es anschaulich zu machen, hier im Grätzel gibt es beispielsweise einen Überdurchschnittlich hohen Lagezuschlag von 2,22 pro Quadratmeter, der einfach so – also auch auch ohne Investitionen – verlangt werden kann. Speziell seit dem Ausbruch der Finanzkrise kam es zu einem Investitionsschub in die vermeintlich krisensichere Anlageform “Immobilien”. Dieser Immobilienboom der letzten Jahre spiegelt sich in Wien vor allem bei Altbauten mit dem höchsten Anstiegen bei den Mieten wieder. So hat Mariahilf beispielsweise einen besonders hohen Altbautbestand und ist für Mietspekulation daher besonders interessant.

Gentrifizierung wird dieser Prozess der Verdrängung einkommensschwacher Haushalte durch Mieterhöhungen in Folge von Investitionen in die Bausubstanz auch genannt. So fungieren in der Regel Mietverträge als Motor für schleichende Verdrängung in ganzen Stadtvierteln. Mieten werden erhöht, ärmere Haushalte müssen reicheren Haushalten so Schritt für Schritt weichen. Da mit neuen Mietverträgen in der Regel höhere Profite zu machen sind, gibt es auch ein strakes Interesse AltmieterInnen mit unbefristeten Verträgen ganz direkt zu verdrängen. Der konkrete Prozess so einer direkten Verdrängung ist mitunter ein schleichender und hat viele Gesichter, wie wir auch an Hand des Hauses Esterhazygasse 6 sehen können. So häufen sich in den letzten Jahren Medienberichte über Schikanen von MieterInnen, die mit „mafiösen Methoden“ konfrontiert werden.

Nach dem Kauf des Hauses Esterhazygasse 6 durch die «LDV Liegenschafts-Dienstleistungs- und Vermögensverwaltungs GmbH« die im Besitz der alleinigen Gesellschafterin Frau Tamara Spinka-Neuner ist, waren auch die MieterInnen im Haus hier damit konfrontiert, dass ihnen nahegelegt wurde, doch lieber auszuziehen. Die Angebote die die von Seiten der Firma gemacht wurden, waren nicht für alle MieterInnen attraktiv, waren diese doch immer mit einer Erhöhung der Miete oder einer Verschlechterung der Wohnsituation verbunden.
Mit Beginn der Bauarbeiten im Haus wurde der Druck auf die verbliebenen Mieter größer. Auch Cafer Ilkay war damit konfrontiert, dass es mehrmals zu Rohrbrüchen direkt über seiner Wohnung kam, sein Kamin mit Schutt und Müll zugeschüttet wurde und die Toilette am Gang ohne Vorwarnung und ohne Ersatz weggerissen wurde.

Cafer war zwar im Recht, als er sich weigerte hier auszuziehen, wie ihm auch von Mietrechtsberatungen, die er aufsuchte, einhellig bestätigt wurde. Doch mit der immer unerträglicher werdenden Situation im Haus, musste er selber zu recht kommen. Hier fehlte es an konkreter Unterstützung – jenseits seiner Familie – im Alltag. Daher sollte uns der Tod von Cafer im Bezirk zu denken geben. Vor dem Hintergrund, dass Cafer kein Einzelfall ist, sondern der Prozess der Verdrängung ein stetiger ist, sind wir alle gefragt, aufmerksam zu sein und unser möglichstes zu tun, um solidarische Strukturen gegen rücksichtslose SpekulantInnen und deren Methoden zu schaffen, die einen ähnlichen Todesfall in Zukunft hoffentlich verhindern können.

Als Staddteilinitiative Mariahilf fordern wir:

*) Nicht nur eine rasche und transparente Aufklärung der Todesumstände! Die Ermittlungen dürfen nicht weiter verschleppt werden!
*) Sondern auch: So etwas wie mit unserem Freund, Nachbarn und Verwandten Cafer sollte in Zukunft nie wieder passieren. Wir wollen daher aufzeigen, dass es sich hier um keine Einzelfall handelt, sondern die Verdrängung von MieterInnen in einer Stadt mit stark steigenden Mietpreisen gerade Menschen aus gesellschaftlich benachteiligten Gruppen besonders betrifft! Wohnungspolitik darf sich nicht gegen Arme richten, sondern muss Armut bekämpfen!

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Anma toplantısına davet

Cafer I. ölü olarak bulunmasının üzerinden sekiz ay geçti. Ev sahibi aylarca önce kiracılar üzerine baskıları artırarak uyguladı. Kiracılar çıkartılıp, evler lüks bir şekilde tamir edilip cok daha pahalıya kiraya verilmek isteniyor. Fakat Cafer I. buna karşı çıkıp eviden çıkmayı reddediyordu.

Nasıl öldüğü konusu halen karanlıktır. Polisin araştırmaları ise yaz ayından beri oldukça dikkatsiz ve karışık yürütülmekteydi. Önemli ipuçları, ve izler ancak ve ancak aile bireylerinin baskısıyla göz önüne alınabilinmiştir. Nasıl, ne biçim ve hangi nedenden dolayı öldüğü savcı için birincil derecede önemli olmadığı anlaşılıyor. Şimdiye kadar önemli şahitlerin bile ifadesi alınmamış olması bunun bir göstergesidir.

Tüm bu nedenlerden dolayı Mariahilf Stadtteilinitiative olarak

17 Nisan Cuma saat 17.00 de
Esterhazygasse 6 nın önünde

bir anma toplantısı düzenliyoruz.

Taleplerimiz:

  • Acil ve hızlı bir şekilde ölüm nedenin açıklanması.
    Araştırmaların kısa bir sürede sonuca ulaşması.
  • Biz bununla sadece tek bir olayın değil genel anlamda kiracıların üzerindeki baskıyı, yüksek kira taleplerini özeliklede sosyal ve zayıf gruplara uygulanan baskı politikalarına da dikkat çekmek istiyoruz.
    Konut politikası fakirlere karşı değil tam tersine fakirliğin ortadan kaldırılma politikası olmalı.

Herkesin içinde yer aldığı adil ve eşit bir konutpolitikası için hepinizi mücadeleye ve dayanışmaya çagırıyoruz.

Facebook: https://www.facebook.com/events/1603010483268768/

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Einladung zur Gedenkkundgebung

Acht Monate ist es nun her, seitdem Cafer I. im Mietshaus Esterhazygasse 6 tot aufgefunden wurde. Auf die MieterInnen des Hauses war in den Monaten zuvor vom Hauseigentümer immer größerer Druck ausgeübt worden: Sie sollten ausziehen, das Haus luxussaniert und teurer vermietet werden. Doch Cafer I. weigerte sich und blieb trotz aller Schikanen.

Die genauen Todesumstände sind immer noch unklar. Klar ist zwischenzeitlich jedoch, dass die polizeilichen Ermittlungen letzten Sommer äußerst schlampig geführt wurden. Wichtige Spuren, Indizien und Beweise kamen überhaupt nur auf Initiative und Druck der Angehörigen ans Licht. Wiewohl offiziell in alle Richtungen (also auch Mord, Totschlag und unterlassene Hilfeleistung) ermittelt wird, scheint der Todesfall Cafer I. bei der Staatsanwaltschaft Wien keine besondere Priorität zu haben. So wurden bis heute noch nicht einmal die Aussagen aller relevanter ZeugInnen aufgenommen.

Aus diesem Anlass laden wir als Stadtteilinitiative Mariahilf

am Freitag, 17. April 2015 um 17.00 Uhr
vor Ort (Esterhazygasse 6, 1060 Wien)

zu einer weiteren Gedenkkundgebung ein.

  • Wir fordern eine rasche und transparente Aufklärung der Todesumstände!
    Die Ermittlungen dürfen nicht weiter verschleppt werden!
  • Wir wollen darüber hinaus aufzeigen, dass es sich hier um keine Einzelfall handelt, sondern die Verdrängung von MieterInnen in einer Stadt mit stark steigenden Mietpreisen gerade Menschen aus gesellschaftlich benachteiligten Gruppen besonders betrifft! Wohnungspolitik darf sich nicht gegen Arme richten, sondern muss Armut bekämpfen!

Lasst uns zusammen halten und gemeinsam für eine gerechtere Wohnungspolitik und ein Grätzl kämpfen, in dem alle Platz haben!

Facebook: https://www.facebook.com/events/1603010483268768/

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Anja Melzer, Der Standard vom 31. März 2015

Ein Mann, der partout nicht aus einem Baustellenhaus in Wien ausziehen wollte, starb unter mysteriösen Umständen. Die Anwältin der Hinterbliebenen beklagt schwere Versäumnisse bei den Ermittlungen

Wien – Acht Monate sind seit dem mysteriösen Tod eines 65-jährigen Mannes vergangen, der nicht aus einem Wiener Baustellenhaus ausziehen wollte. Immer noch warten Hinterbliebene auf die Klärung der Todesumstände. Offiziell – so lässt die Staatsanwaltschaft mitteilen – werde weiterhin wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Doch aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass seit November nichts geschehen ist.

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Lisa Bolyos, Augustin – Die erste österreichische Boulevardzeitung vom 18.09.2014

In der Esterhazygasse in Mariahilf steht ein Haus, und das Haus soll saniert werden. Ein Mieter ist renitent genug, nicht auszuziehen. Ein paar Wochen später ist er tot. Ein Leben wird betrauert, ein Krimi beginnt: die Geschichte einer Nachbar_innenschaft.

Eigentlich sollte diese Geschichte Wolf Haas schreiben: Jetzt ist nämlich schon wieder was passiert. Und das, was da passiert ist, tönt mehr nach einem seichten Krimi im Immobilienmilieu. Oder nach dem Gründungsmythos einer Mietrechtsbewegung. Und ist doch keines von beiden, sondern: wahr.

Am 2. August wurde Cafer I., 65, langgedienter Mieter einer Wohnung im Haus Esterhazygasse 6 im 6. Wiener Gemeindebezirk, in eben diesem Haus tot aufgefunden – erschlagen oder erdrückt von Baugittern. Der Journalistin Anja Melzer ist zu verdanken, dass die Geschichte in der Tageszeitung «Der Standard» öffentlich gemacht wurde. Den Nachbar_innen ist zu verdanken, dass keine Ruhe einkehrt.

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Ein uns zur Verfügung gestellter Text vom Autor und Journalisten Kurto Wendt zum Tod von Cafer I.

Herr I. hatte wie jeden Samstag seine Saunatasche gepackt. Zehn Minuten später war er tot. Erdrückt von tausend Kilo Absperrgitter, einfach umgefallen im Hauseingang. Fahrlässige Tötung vermutet die Polizei oder Mord, wie es andere sehen. Herr I. wurde erdrückt von den Verhältnissen. Seit Mai war er der einzige Mieter in einem Haus, das renoviert und aufgestockt wird. Herr I. wollte nicht weichen, sperrte sich gegen seine Ausmietung, er, der pensionierte Bauarbeiter.

„Value gap“ und „rent gap“ heißen die Zauberwörter, die Haus- und Wohnungsbesitzer*innen motivieren und erfinderisch machen. Ein Haus halb leer, halb voll mit alten Leuten, lässt Gewinnfantasien blühen. Sie fühlen sich sicher wie nie und lassen große Banner aufziehen auf ihre Objekte. Ehrlich, ganz offen, steht dort zu lesen: „Hier wächst gerade der Immobilienwert“. Nur einen Steinwurf entfernt von der geräumten Pizzaria Anarchia. Nicht geräumt, geentert. Von 1700 im Dienste des Eigentums. Es könnte schwierig werden, haben sie sich wohl gedacht, hunderte aus Wien, vielleicht noch ein paar Busse aus der Steiermark, Oberösterreich wäre auch schön. Holen wir sie doch alle! Einmal den gesamten Bezirk mit Polizeiautos zuparken! Machtfantasien von dummen Polizeijungen, die sich auch noch Hubschrauber und Panzerrammwagen zum Spielen holten oder vielleicht auch Angst, dass die Aktion längst die Zustimmung der Bevölkerung verloren habe? „Ist der Bürgermeister informiert“ wird einer gefragt haben, der auf seinem Notizblock die Hundertschaften als Strichmännchengruppen gemalt hat. Einer streckte den Daumen hoch, der Präsident lächelte. Er wusste, dass Macht demonstrieren immer gut kam in dieser Stadt und dass es keine bessere Gelegenheit gab, der Bevölkerung zu demonstrieren, dass Aufstandsbekämpfung längst zum Trainingsalltag österreichischer Polizist*innen gehört.

„Hier wächst der Immobilienwert“ lockt auch die grün-liberale Mittelschicht. Angst um ihr Erspartes und Gier lässt sie eine zweite und dritte Wohnung kaufen und mit Gewinn weitervermieten. Vorsorgen für sich und die Kinder. Die Kinder, ja, um die wird man* sich doch Sorgen machen dürfen. Dass sie in bessere Schulen gehen als die anderen, auf den Unis nicht neben schlecht deutsch-sprechenden Migrant*innen zu sitzen kommen. Manchmal sind auch Grenzen und Ausschlüsse nicht schlecht, denken sie. Gerechtigkeit abstrakt, ja schon und Gesamtschule für alle. Aber Vorsorgen für die Zukunft der Kinder, der eigenen, da nimmt man* schon mal in Kauf, dass andere überhöhte Miete zahlen. Ungleichheit darf sein, das sehen nicht nur die Rechten so. Mit sogenannten „Vorsorgewohnungen“ machen Banken und Fonds die Mittelschicht zu Mittäter*innen, jene wissen das auch und sind froh darüber, dass das Eintreiben der Miete von den Banken übernommen wird. „Wir haben da Spezialisten“, meint die Bankberaterin trocken und verspricht obendrein noch steuerliche Erleichterungen. „Wenn sie bis zu drei Wohnungen besitzen gelten auch nicht alle Bestimmungen des strengen Mietrechts“, ergänzt sie. Freie Bahn für die kleinen ProfiteurInnen, für die Kinder versteht sich, nicht für sich selbst. Die so Beratenen wissen was das bedeutet, mit schlechtem Gewissen vielleicht, aber sie tun es und sie ärgern sich beim Verlassen der Filiale über die Bettlerin, die allzu eindringlich Biiiiiiiiitte sagt.
Die Spekulant*innen sind nur die Übertreibung, auf die sich auch von Vorsorgewohnungsbesitzer*innen trefflich mit den Fingern zeigen lässt. Wohnen – Dmo
„Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten. Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben“ schrieb Heinrich Heine schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Mitte Juli 2014 war die Strasse in Wien, die seinen Namen trägt, komplett mit Polizeibussen zugeparkt.
„Dreams are not evictable“, Träume sind nicht delogierbar, haben die Besetzer*innen der Pizzaria Anarchia in einem Kommentar zur Räumung geschrieben. Wir fühlen, dass unsere Träume nicht kurz vor der Verwirklichung stehen, es wird noch schlimmer, ganz bestimmt.
Aber was, wenn die Saunafreunde von Herrn I. sich nicht damit begnügen wollen, zu trauern? Wenn einer von ihnen sagt „wir müssen irgendwas tun, er soll ruhen, aber sie, die ihn auf dem Gewissen haben, nicht“. Ein anderer würde ihm entgegnen: „Es hat keinen Sinn, die Verhältnisse sind halt so und die da oben haben es sich immer richten können.“ „Vielleicht hat es keinen Sinn aber ein bisschen Rache zumindest sind wir ihm schuldig, ich zumindest“ würde der erste erwidern, „wenn wir alles schlucken werden sie nur noch frecher und die Gesetze schützen uns immer weniger.“ „Was willst du machen? Das Haus anzünden? Das käme ihnen nur Recht, mit Neubau verdienen sie noch mehr“ bremste der zweite wieder, bevor ein dritter möglicherweise sagt: „Haben da nicht voll viele Leute mal beschlossen, gemeinsam keine Miete mehr zu zahlen?“ Der erste würde lachen und sagen: „Das hast du vielleicht in einem Roman gelesen, in echt gibt’s das nicht“ „Nein, das war sicher echt. In Italien glaub ich, irgendwann in den 70er Jahren“ Der zweite würde dem dritten die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Da warst du ja noch nicht mal auf der Welt, Romane oder Geschichte, wo ist der Unterschied, du kannst davon träumen, aber machen kannst du es nicht“. „Er hat sich sogar zu einem Streik am Bau mitreißen lassen vor Jahren, das ist viel riskanter als eine Miete nicht zu zahlen“ könnte der erste über den zweiten zum dritten sagen und zweiterer würde das Gesicht verziehen. „Das hat aber die Gewerkschaft unterstützt, das ist was anderes“ „ Und wenn die Gewerkschaft einen Mietboykott unterstützen würde?“ könnte der dritte nachhaken und erstmals an diesem Abend zeigten sich der erste und der zweite sehr einig, in dem sie mit einem milden lächeln dem jüngeren zeigen würden, wie naiv sie seine Haltung finden würden. Der erste würde vielleicht aufstehen und sagen: „ich spray ihnen jetzt auf ihr beschissen weißes Haus *I. soll ruhen, aber ihr Schweine nicht*“ der zweite würde ihn nicht zurückhalten „Pass auf dich auf“ und der dritte würde sich auf die Suche nach Figuren machen, für die Geschichte kein unbeeinflussbarer abgeschlossener Prozess ist. „Sehen wir uns nächste Woche in der Sauna“ könnte der zweite noch zum Abschied fragen. „Aber fix!“ würde der erste antworten und der jüngere würde in der Tür stehend ergänzen: „Vielleicht bring ich noch wen mit“ So oder so ähnlich könnte es doch sein, oder? Bald schon, sehr bald. the future is still unwritten.

Zum Autor: Von Kurto Wendt erschien unlängst der Roman Der Juli geht aufs Haus, die fiktive Geschichte einer Mietboykottbewegung in Wien.

Anja Melzer, Der Standard vom 12. August 2014

Ein Zinshaus in Mariahilf soll generalsaniert werden, die Bewohner mussten ausziehen. Einer weigerte sich. Nun wurde er tot aufgefunden – von Baugittern erdrückt

Wien – Die Samstage von Cafer I. hatten einen geregelten Ablauf: Erst holte er sich eine Topfengolatsche vom Bäcker, dann ging er in die Sauna. Am Samstag, dem 2. August, war die Sporttasche gepackt, die Mehlspeise wartete essbereit auf dem Küchentisch, Cafer I. aber lag tot im Eingang seines Hauses in der Esterházygasse.

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