Verdrängung auf Wienerisch

Nicole Tomasek, Jungle World vom 18.9.2014

Braut und Bräutigam lächeln schüchtern, er mit einer Tolle im Haar, sie ganz in Weiß. Das von Rosen umgebene Foto auf einem Hochzeitsteller mit Goldrand an der Wand neben dem Tresen im Café Else hat inzwischen einen Rotstich. Das schüchterne Hochzeitspaar sind Frau Else, wie sie nur genannt wird, eine Prater-Prostituierte und Rotlichtgröße, und ihr Mann aus einer Wiener Zuhälterfamilie. Die vor allem in den sechziger Jahren berühmte Frau Else eröffnete das Café Else 1978, ein Lokal, in dem Prostituierte und Freier anbandelten. Rundherum im Volkertviertel in Praternähe befanden sich Stundenhotels. Die für ihre Brutalität berüchtigte Zuhälterin und Prostituierte »Wilde Wanda«, die die von Männern dominierte Rotlichtszene in den siebziger Jahren kräftig aufmischte, verkehrte auch in dem Café und war mit Frau Else befreundet. Diese war jedoch vielmehr für ihre Großherzigkeit und Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft bekannt und galt als äußerst tier- und kinderlieb. »Die Hunde kommen immer noch vorbei, weil sie ein Leckerli erwarten«, erzählt Roland Schweizer, der das Café Else vor einem Jahr neu eröffnet hat. Frau Else habe er nicht mehr kennen gelernt, sie war vor ein paar Jahren gestorben, das Café stand etwa zwei Jahre leer. Der Hochzeitsteller fand aus ihrem Nachlass durch einen ihrer Neffen den Weg ins neue Café Else. Heute ist es kein Rotlichttreff mehr, auch wenn es in der Nähe noch ein paar Stundenhotels gibt. Aber die Geschichte werde nicht vergessen, und »jeder ältere Taxifahrer kennt das Lokal«, sagt Schweizer.

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